CD im Digipak
Peter Waldner - Clavichord (Instrument nach Christian Gottlob Hubert 1771)
Sonaten und Variationen (Komponist: W.A. Mozart)
* Sonate in a-moll KV 310
Allegro maestoso
Andante cantabile con espressione
Presto
*Sonate in D-Dur KV 311
Allegro con spirito
Andante con espressione
Rondeau / Allegro
*Zwölf Variationen über "Ah, vous dirai-je, Maman" KV 300e
* Sonate in C-Dur KV 545
Allegro
Andante
Rondo / Allegretto
Mozart auf dem Clavichord
Wohlig dehnen sich die Saiten
Spieler eines Tasteninstruments sind vom Gegenstand ihrer Arbeit entfremdet. Bläst etwa ein Posaunist direkt in die Posaune, so muss sich der Tastenlöwe einer "Prothese" bedienen. Zwischen dem elfenbeinbelegten Klötzchen, das er drückt, und dem Klangerzeuger (sei es Pfeife, sei es Saite) liegt allerhand Mechanik. Besonders ins Gewicht fällt das bei der Orgel, wo die Finger ein Gestänge in Bewegung setzen, das unter der Kirchendecke etwas zum Klingen bringt. Etwas besser ist es beim Klavier: Der Spieler bleibt Herr des Verfahrens, zumindest bis das Hämmerchen die Saite trifft; dann schnellt der Klöppel von allein zurück - regelrecht entkoppelt wird der Interpret. Und wer Cembalo spielt, kennt das wohlige Gefühl, wie sich eine Saite unter dem Druck der Finger dehnt, bis der Kiel sie zupft und erregt. Auch hier aber heißt es Abschied nehmen, wenn der Ton erklungen ist.
Einzig das Clavichord darf unter den Tasteninstrumenten beanspruchen, den Musiker und seine Musik aufs engste miteinander zu verbandeln. Der Clavichordspieler bewegt Wippen, an deren Ende metallene Tangenten sitzen. Sie berühren die Saiten, deren Länge sie zugleich bestimmen. Während der Ton noch klingt, kann ein fingerfertiger Musikus die Tasten derart liebkosen, dass das hauchdünne Metall den Klang zu einem sanften Vibrato verführt. Ob man kräftig zulangt oder nicht, der Anschlag verändert Lautstärke und Sound: Es säuselt, zirpt, schwebt, rumpelt, krakeelt nach Belieben, stets im Bereich zwischen sehr leise und noch nicht laut. Dies Instrument taugt deshalb für Konzertsäle nicht.
So ist also in Vergessenheit geraten, welch bedeutende Rolle das Clavichord noch spielte bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. Bach besaß eines dieser leicht zu transportierenden Übungsinstrumente, auch Mozart hatte eins: "Zauberflöte" und "Titus", auch noch sein Requiem soll er am Clavichord komponiert haben. Christopher Hogwood brachte im vorigen Jahr eine Platte heraus, auf der er einige selten gehörte Mozart-Stücke auf verschiedenen Clavichorden erklingen ließ. "The Secret Mozart" hieß das Album: ein Stück Enthüllungsinterpretentum mithin. Geheim ist hier nichts, entgegnet nun Peter Waldner: Fast jedes Klavierstück Mozarts könne man auf dem verkannten Instrument gut zur Geltung bringen. Waldner tritt den Beweis an mit einer erstaunlichen CD: "Wolfgang Amadeus Mozart, Sonaten und Variationen" (Extraplatte 663, im Vertrieb von Sunny Moon) enthält die drei Sonaten KV 310, 311, 545 und die Variationen über "Ah, vous dirai-je, Maman". Wie Waldner in der a-Moll-Sonate die akkordische Begleitung des singenden Themas dynamisch in Bewegung hält, im D-Dur-Werk weit entfernte Klänge nebeneinanderstellt und das Rondo mit solchem Vorwitz gestaltet, dass die Töne nach einem zu schnappen scheinen; wie er aus manchen Basstönen mit beherztem Zugriff Schlagzeug-Statements macht und in der Moll-Variation von "Ah, vous dirai-je" die Kantilene leidenschaftlich zum Vibrieren bringt - man muss es gehört haben. Wie dieser Spieler ins Instrument hineingreift, so schallt es auch heraus: Direktmusik vom Feinsten.
Michael Gassmann
Text: F.A.Z., 04.08.2007, Nr. 179 / Seite 38